Dialog ist nicht gleich Dialog
Posted on | Januar 9, 2007 | 2 Comments
Nun kommt es ja ab und an augenscheinlich zu Fällen, in denen ein Produkt, eine Dienstleistung, eine Person oder ein Unternehmen von fünf, zehn, 15, 30 oder 100 Blogs kritisiert und in Grund und Boden geschrieben wird.
Das Produkt ist unmöglich, der CEO inkompetent, die Firmenpolitik nur darauf hin angelegt, möglichst viele furchtbare Dinge aus pekunären Interessen in möglichst kurzer Zeit abzuspulen.
Schnell kann man sich auch persönlich angegriffen oder angegangen fühlen, sieht sich in eine Position versetzt, in der man mitreden, mitdiskutieren, aufklären möchte. Sieht sich in einer Position, in der man laut “Stop! So ist und war das gar nicht!” rufen will, um dann Schritt für Schritt vernünftig miteinander die Vorwürfe durchzugehen.
Und: Der Dialog wird immer wieder als ein (vielleicht sogar als das) Mittel genannt und gehandelt, mit dem ein ausgleichender Ausweg aus dieser Kritik – aus dem “Sautreiben” – möglich ist.
Ich habe selbst diesen Dialog als den richtigen Weg aus der Krise “gepredigt”. Einfach und logisch: Kontakt aufnehmen, offene Punkte bereden, nachfragen, zuhören, und gemeinsam einen diplomatischen Weg suchen und gehen.
Ich habe allerdings auch diesen Weg des Dialogs inzwischen schon wieder infrage gestellt. Denn
ist das tatsächlich realistisch – durchführbar, wünschenswert, zielführend und vor allem umsatzfördernd?
Lohnt es sich immer – bzw.: unter welchen Umständen lohnt es sich / lohnt es sich nicht -, den oder die Kritisierenden anzusprechen, einen Dialog zu führen?
Dialog, das bedeutet aus meiner Sicht vor allem eines:
Ein Dialog (von altgriech. dialégomai: sich unterhalten) ist eine mündlich oder schriftlich zwischen zwei oder mehreren Personen geführte Rede und Gegenrede.
Oder anders: Ein Dialog ist eine Erörterung von Problemen im Sinne der klassischen Dialektik (These und Antithese).
Ein kleiner Gedankensprung:
Strappato hatte am letzten Tag des vergangenen Jahres seinen Vorschlag für einen Blogger-Verhaltenskodex veröffentlicht und zur Diskussion gestellt.
Auch wenn seine Motivation für diesen Kodex aus “reiner Bloggersicht” also bloggerzentrisch sein mag, so ist dieser ebenso geeignet, sich vor dem Einstieg in einen Dialog zur Lösung einer Krise die kritisierenden Blogs genauer anzusehen.
Klingt seltsam? War unverständlich? En detail: Zwei seiner zehn Punkte greife ich dazu heraus.
1. In diesem blog sind veröffentlichte Nachrichten und Informationen mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar. Nachträgliche Änderungen werden vermieden und gegebenenfalls kenntlich gemacht.
[...]
3. Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, werden in dem blog in angemessener Weise richtig gestellt.
Gut, exakt diese zwei Punkte würde für mich – würde ich in diesem Blog meiner Meinung nach zu Unrecht angegangen – bedeuten, dass eben hier ein offener Dialog via Kommentare und / oder ein persönlicher Kontakt mit dem Blogger durchaus zielführend und wünschenswert ist.
Stellt dieser Blogger eine kritische These auf, die mein Produkt, Unternehmen, meine Person betrifft, so habe ich hier die Möglichkeit, dialektisch das Problem zu erläutern. Und – meiner Meinung nach absolut ausschlaggebend – eventuell wird der Blogger seine These, seinen Artikel “in angemessener Weise” richtig stellen, sollte er tatsächlich etwas “falsches” geschrieben haben.
Aber halt: Es liegt überhaupt nicht in der Intention aller Blogger, ihre Artikel – wie oben zitiert – sorgfältig auf den Wahrheitsheitsgehalt etc. zu prüfen.
Blogs sind nicht per se Medien und Blogger nicht per se Journalisten.
Und: Nicht jeder Blogger (bzw. nur sehr wenige Blogger) fühlen sich einem nachvollziehbaren Kodex verpflichtet.
Zurück zu der Frage nach der Sinnhaftigkeit eines Dialoges als Weg aus der “kommunikativen Krise”:
Ein Blog, das augenscheinlich nicht darauf aus ist, einen möglichen “Fehler”, eine Behauptung, eine These richtigzustellen, wenn sich nachträglich im Dialog herausstellt, dass die Kritik nicht der (möglichst objektiven) Realität entspricht, lädt aus meiner Sicht nicht zum Dialog ein.
Warum sollte ich bspw. in den Kommentaren wieder und wieder versuchen, das im Artikel beschriebene Fehlverhalten klarzustellen, wenn der Artikel an sich mit Sicherheit nicht geändert wird?
Bringt es mir etwas, wenn der Blogbesucher, der durch die Headline “Unternehmen X ist bitterböse!” via Google & Co. auf den Artikel kam, ab Kommentar 117 auch (m)eine Gegenposition liest (die evtl. direkt wieder “angegriffen” oder als irrelevant abgetan wird)?
Sollte ich tatsächlich mit dem Blogger versuchen, Kontakt aufzunehmen, wenn er augenscheinlich nicht darauf aus ist, seine These richtigzustellen? Wenn er den evtl. topverlinkten Artikel nicht ändert, nicht updatet, ergänzt? Maximal einen neuen Artikel à la “Übrigens: das hier [Link] hat sich inzwischen geklärt. So stur ist Unternehmen X [Link] doch nicht. Geht doch!” nachlegt?
Fazit
Für mich ist es noch nicht bzw. nicht mehr der Goldstandard, bezüglich einer Kritik in Blogs auf den Dialog als Lösung zu verweisen. Die kritisierenden Blogs sollten vor der Kontaktaufnahme auf ihre “Dialogfähigkeit” überprüft bzw. eingeschätzt werden:
- Bei Blogs, die durch ihren definierten bzw. expliziten Kodex oder durch den tagtäglich in ihren Artikel demonstrierten impliziten Kodex daraufhin angelegt sind, einen Dialog in These und Antithese bis zu einer möglichen Synthese zu führen, erscheint der Dialog durchaus als sinnvolle Option.
- Bei Blogs, die augenscheinlich nicht daraufhin angelegt sind, einen tatsächlichen Dialog – also bis hin zu einer möglichen Konsequenz à la Änderung, Richtigstellung, Ergänzung – zu führen, halte ich einen Dialog nicht für sinnvoll.
Comments
2 Responses to “Dialog ist nicht gleich Dialog”
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Januar 12th, 2007 @ 11:23
[...] Noch ein kurzer Nachtrag zu meiner Frage, ob und wann sich ein Dialog zur Lösung bzw. Bewältigung eine kommunikativen Krise via Blogs lohnen kann. [...]
Mai 9th, 2007 @ 10:40
[...] Die beständige Aufforderung zum Dialog macht noch keinen Dialog, weil dabei zwei Meinungen zählen sollten? Hey, das ist üblich. [...]