reine Formsache

Notizen, Alltag, etwas PR, viel Entspannung

Keep it real! in Klein-Bloggersdorf

Posted on | Mai 9, 2007 | 8 Comments

Das Schöne an Klein-Bloggersdorf ist, dass manche Themen so oft – mit zumindest manchmal wechselnden Aufhängern – wiederkehren, dass man die entsprechenden Artikel perfekt recyclen kann.

  1. Präpubertäre Trolle kommentieren anonym? Hatten wir schon zuhauf. Endet wohl nie.
  2. Das andauernde Aufwärmen von Stereotypen? Oh, mein Gott, was sind sie böse, die PR’ler! Hatten wir schon.
  3. Dabei werden Grenzen überschritten? Bis hin zum dummdreisten Nazi-Propaganda-Vergleich? Hatten wir auch schon.
  4. Die investigativen Sherlocke nutzen ihre Eigenreferenz bis zum Umfallen, weil das als Beleg jedweder Behauptung sicherlich genügt? Klar, das ist Goldstandard.
  5. Die beständige Aufforderung zum Dialog macht noch keinen Dialog, weil dabei zwei Meinungen zählen sollten? Hey, das ist üblich.

Ich verzichte auf ein “Und jetzt noch einmal alles von vorne!” Wir hatten das alles schon SO OFT. Es nervt.

Und jetzt zur Headline. “Keep it real!” Ich kann’s nicht mehr hören.

Was?

Von Zeit zu Zeit (und je mehr Meta-ich-rette-die-Blogosphäre-Blogger, desto häufiger) kommt das Thema “Wir, das ist Klein-Bloggersdorf, das ist Online-Existenz! Und jeder, der es einfach so - und am besten noch aus kommerziellen Gründen - nachahmen will, unser Blogdingens, dieses ganze Web, der ist bitterböse! Gehört an den Pranger!

Mein Gott, was wurde über die Freundin-Blogs geschimpft, über Business-Blogs schwadroniert, jeglicher Unternehmensschritt in das Web 2.0 (oder so) bekrittelt.

Warum ist es denn so schwer, dass, was oft genug postuliert wird – die Blogosphäre sei nun mal nicht fassbar, es gäbe nicht den Prototyp Blogger, es bloggten Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen aus unterschiedlichsten Motivationen zu unterschiedlichsten Themen – auch allen Anderen zuzugestehen?

  • Der bloggende Marketingmensch – der ist kein Blogger, weil, klar, der ist ja schon Marketingmensch.
  • Die bloggende Yellowredakteurin – die ist keine Bloggerin, logisch, die ist ja schon Redakteurin.
  • Der bloggende Rechtsanwalt, nee, der ist Blogger. Und der Werber ist auch Blogger (mancher, bestimmt nicht alle, gibt sicher auch böse). Und wer gebloggt hat, bevor er in die PR ging, der war mal Blogger.

Wie absolut idiotisch ist das denn?

Kann man nicht einmal endlich diesen einen Schritt – zumindest irgendwo hinterköpfigst – vollziehen, dass Bloggen das Nutzen einer Technik ist, die jeder zu seinem Zweck nutzt, auch wenn es nicht allen gefällt?

Ich muss immer bei diesem Kindergarten-auf-dem-Sandkasten-um-Plätze-Streiten an die Musikszene und Musik-Konsumenten denken. Und an jene, die für die Verteidigung ihrer Schubladen lieber sterben würden, als die Meinung anderer zu akzeptieren.

Klar, JEDER weiß doch genau (!!), dass [beliebiger Künstler] nur so lange real war, bis er – voll auf Kommerz - ein Album in die Charts gebracht hat. Was jeder hört, das kann nicht real sein! [beliebiger Künstler] nimmt einen Track mit [beliebiger zweiter Künstler] auf? OH-MY-GOD! Das ist alles, aber kein [beliebiger Musikstil]! Keep it real!

Das Album [beliebiger Album-Name], das war ja noch echt underground! Du hast Dir das neue gekauft? Hey, das ist Mainstream! Kommerz! Teufel!

Jaja, ich zitiere gerne deutschen HipHop. Da gibt und gab es diese Keep-it-real-Schwachsinns-Diskussion schon immer. Heute: Samy Deluxe – Hab’ gehört:

Was Showbiz interessant macht ist nicht, dass man Leute kennenlernt,
Sondern zu betrachten, wie sich Leute plötzlich ändern,
Wie zum Beispiel die phantasielosesten Wesen,
Auf einmal Phantasie entwickeln, wenn sie über einen reden.
[…]
Hab’ gehört ich sei nicht Hip Hop, ich scheiß auf Rapmusik
[…]
Hab’ gehört ich rapp’ nicht mehr ich hätte nur auf’s Geld gewartet
[…]
Ich hab’ gehört früher war ich viel beliebter,
Hab’ gehört dass ich nicht real gekeept hab’,
Mit dem Untergrund hätte ich’s mir verscherzt,
Jetzt mal ganz unter uns Jungs: Es bricht mir das Herz.

Ersetze Showbiz und Untergrund durch Klein-Bloggersdorf, HipHop und Rap durch Bloggen, und wir haben das identische Phänomen.

Musik ist Musik. Wer sie auch macht. Vielleicht gefällt es irgendjemand. Vielleicht zumindest dem Künstler. Ob per MP3 oder Violine, Sprechgesang, Synthesizer, Klampfe oder 08/15-Musik-Programm auf dem Rechner. Musik ist Musik.

Hört mir doch mal auf mit dem Keep it real!-Mist!

Comments

8 Responses to “Keep it real! in Klein-Bloggersdorf”

  1. Björn Eichstädt - Storyblogger
    Mai 9th, 2007 @ 17:26

    Recht hast Du, aber-… ist das nicht ein bisschen, hmmm, banal?

  2. Björn Hasse
    Mai 9th, 2007 @ 17:34

    Oh, wenn Du Dich aktuell mal ein bisschen umsiehst: Ja, das ist so banal, dass man irgendwann mal darauf hinweisen sollte, wie banal es ist.
    Kindergarten 2.0 oder so…
    ;-)

  3. Björn Eichstädt - Storyblogger
    Mai 9th, 2007 @ 17:47

    Hast ja recht – und zu vernünftigen Themen wird halt gar nicht mehr kommentiert . . . bin ja schon am überlegen, ob wir mal Sommerferien machen.

  4. Björn Hasse
    Mai 9th, 2007 @ 17:47

    Sehr gute Idee. Mir schwebt Ende Mai vor… :-)

  5. ramses101
    Mai 11th, 2007 @ 11:34

    Soooooo true! Ich kann das Bloggergekeife auch nicht mehr hören, das losgeht, wenn wieder irgendjemand mit Verkaufsabsichten ein Blog aufmacht.

  6. reine Formsache » Warum Bloggen Punk ist…
    Juni 11th, 2007 @ 12:31

    [...] Auch wenn ich neulich der festen Überzeugung war, das “keep it real!”-Gedöns aus der HipHop-Szene wiederhole sich in der Blogosphäre (die böse Kommerzialisierung, das unheimlich wichtige Underground-Getue, usw.) – lasse ich mich gerne von Lisa9 überzeugen, dass es ebenso die böse Kommerzialisierung und das unheimlich wichtige Underground-Getue (was wir hier dann aber “Dogmatisierung” nennen) des Punk sein könnte, mit dem es sich so supileicht vergleichen lässt. Die Parallelen sind herrlichst! [...]

  7. Die Tyrannei der Authentizität at viralmythen
    September 12th, 2007 @ 10:56

    [...] Seit der modernen differenzierten Gesellschaft kann solch eine Forderung jedoch nur noch als Fiktion, als Fassade aufrechterhalten werden. Das, was hier Du-Selbst genannt wird, zerfällt in viele Teil-Selbste, die in den unterschiedlichen Lebenssphären (Beruf, Familie, Beziehung, Weblog) gelebt werden. Das ist in vielen Fällen nicht so sehr Problem als vielmehr Lösung, Entlastung von der Zumutung, überall mit der »ganzen Person« einstehen zu müssen. Gute Blogger sind nicht authentisch, sondern zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, darauf weist auch Björn hin, die Technik des Bloggens (und seine vielfältigen Diskursregeln) zu beherrschen. Dazu kann auch gehören, Offenheit darzustellen. Dass MC Winkel am Freitag darüber spricht, wie er »MC Winkel« als Marke aufbauen konnte, ist keine Bankrotterklärung eines inauthentischen Subjekts, sondern der Werkstattbericht eines erfolgreichen Praktikers des Bloggens. Das finde ich sehr viel ehrlicher als alle Versuche, mir als Leser um jeden Preis ein authentisches Selbst verkaufen zu wollen. [...]

  8. DICK
    Juli 8th, 2008 @ 22:30

    hahaha…. yo yo yo… keep it real.. YO!
    lol… siehe erst jetzt wieder bei diesem "3 tage wach" lied schrein auch die ganzen MINIMALISTEN "OH böse kommerz das verkauft sich jetzt hassen wir es".. "das ist doch kein minimal"… spasten… alle bitte mal den stock aus dem arsh ziehen… danke. das ist übrigens das erste mal in meinem leben dass ich ein blog gelesen habe… und gleich kommentiert

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