reine Formsache

Notizen, Alltag, etwas PR, viel Entspannung

Ein kleines Contra: Beleidigungskultur im Netz

Posted on | Februar 16, 2011 | 5 Comments

Da stehen sie auf ihrem Posten, die Soldaten der Queens’s Guard mit ihren übertriebenen aber historisch wertvollen Bärenfellmützen. Und egal ob es stürmt oder schneit, sie müssen – dürfen – dort stehen. Und egal ob in TV-Klamauk-Manier à la Mr. Bean oder im schlechtesten Unterstufenschulklassenausflugsmutprobenstil, wer auch immer sie anmault, mal eben beleidigt, mit Brotkrümeln oder Kaugummis malträtiert, sie stehen dort. Werden nicht per gezielter Salve dem Spuk ein Ende machen – auch wenn sicherlich der ein oder andere davon träumte -, werden noch nicht einmal ein leises “Asshole” zurückflüstern. Stehen dort. Weil sie es müssen, dürfen, weil es ihr Job ist, und es nicht zu ihrer Jobdescription gehört, zurückzupissen.

Und jetzt, ach, die Beleidigungskultur im Netz. Die fordert jetzt auch – “in vernüftigem Maße” – Herr Lobo. Und das auf Spiegel Online.

Gemeint ist? Der Gesetzgeber und die bis dato oft ungemein gemein reagierenden rechtlichen Vertreter der juristischen Personen, die sich von Beleidigungen, Schmähungen, Ulk und Schande getroffen fühlen, die müssen eben einmal – langsam aber sicher – Beschimpfungen aushalten und Herabwürdigungen hinnehmen (lernen). Warum?

In der digitalen Öffentlichkeit muss eine vernünftige Beleidigungskultur entwickelt werden. Schmähungen und Abfälligkeiten müssen straffrei möglich sein, der Gesetzgeber sollte im Netz einen entspannteren Umgang mit Beleidigungen aller Art fordern und fördern. Dabei geht es nicht um die vollständige Abschaffung des Straftatbestandes der Beleidigung, sondern um eine fortschrittsbedingte Anpassung.

Das ist super, schön, gut gedacht, vollkommen in Ordnung, usw. – ich lehne ja ein solch redliches Ansinnen nicht unbesehen ab.

Mein Aber? Ach, ich fühle mich bei diesem “Wir sollten alles dürfen!”-Denken (Achtung: übertrieben) an den ein oder anderen Rant erinnert, den man schon über sich ergehen lassen musste, an den ein oder anderen Maul-Artikel des anonymen Netznutzers, in dem man namentlich angegriffen wurde, an den ein oder anderen Artikel, in dem Politiker A, CEO B oder Pressesprecher C, PR-Kollege D als Arschloch, Lügner, wasauchimmer bezeichnet wurde.

Gut, den lassen wir dann über uns ergehen.

Wie mutig oder spannend ist es eigentlich, Menschen zu provozieren, die in wohl knapp 100 Prozent der Fälle nicht wirklich identisch reagieren können?

Wie frei oder notwendig, kulturell wertvoll ist es, die Markenverantwortlichen als Volldeppen zu bezeichnen, wenn garantiert ist, dass die Markenverantwortlichen nicht annäherend das identische tun können?

Ehrlich und noch einmal: Das ist super, schön, gut gedacht, vollkommen in Ordnung, usw. – ich lehne ja ein solch redliches Ansinnen nicht unbesehen ab.

Aber ich empfinde es persönlich als überzogene Forderung, die lediglich einen Beteiligten “empowered”, damit als in meinen Augen unausgewogen.

Duellieren, auch mit Worten, macht mir nur Spaß, wenn Waffengleichheit herrscht.

Comments

5 Responses to “Ein kleines Contra: Beleidigungskultur im Netz”

  1. Nina Galla
    Februar 16th, 2011 @ 15:39

    mit verlaub: warum sollen beschimpfungen nur erlaubt sein, wenn der angegriffene zurückschlagen kann? meiner meinung nach ist es grundsätzlich keine gute kinderstube, andere personen zu beleidigen. und öffentlich schon gar nicht. weder in der pr, noch in der digitalen sphäre, noch in der politik. ohne wenn und aber. oder hab ich dich falsch verstanden? mag sein, war grad so laut hier im büro :-)

  2. Björn Hasse
    Februar 16th, 2011 @ 15:57

    Nina, absolut meine Meinung: eine beleidigungsfreie Sphäre, eine Öffentlichkeit ohne Gepöbel und schlechten Stil, ziehe ich jeglicher anderer Lösung vor.
    Wenn aber gepöbelt, beleidigt und schlechter Stil gelebt werden soll, dann sollte diese Forderung doch für alle Beteiligten gelten dürfen.

  3. DerNicolai
    Februar 16th, 2011 @ 20:05

    Also von mir aus hätte aus deinem “kleinen Contra” auch ruhig ein größeres werden können. Ich sehe das in den meisten Punkten anders als Sascha Lobo und stimme Nina zu.
    Meiner Meinung nach muss zwischen Empfänger und Sender von Beleidigungen unterschieden werden: Als Empfänger ist es tatsächlich ratsam, eine gewisse Gelassenheit an den Tag zu legen und Beschimpfungen auszuhalten. Und dass für Unternehmen der Gang vor Gericht oder das Drohen mit einer Klage meistens keine gute Idee ist, sehe ich auch so. Dem Sender von Beleidigungen aber eine Art “Freifahrtschein” auszustellen halte ich weder für notwendig noch für wünschenswert. Vielleicht habe ich da auch einfach andere Erfahrungen als Sascha Lobo gemacht. Bei mir sind z.B. “normale Unterhaltungen” nicht “voll von Beleidigungen”.

  4. Max
    Januar 10th, 2012 @ 22:59

    Naja, ich bezweifle, das viele Leute dann wirklich den Mut haben, ihre wie auch immer gearteten Beleidigungen der zu beleidigenden Person ins Gesicht zu sagen. Dann doch lieber schön anonym mal richtig Dampf ablassen. Ist nicht wirklich die feine Art, aber so sind Menschen nun mal. Man sehe sich nur einmal das Cybermobbing in den Schulen an.

  5. Ein kleines Contra: Beleidigungskultur im Netz : reine Formsache « mdm4
    April 17th, 2012 @ 19:49

    [...] viaEin kleines Contra: Beleidigungskultur im Netz : reine Formsache. Share this:TwitterFacebookGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem dieser gefällt. Schlagworte:Beleidigungen, Schande, Schmähungen, Social Media, Ulk Veröffentlicht unter:Marketing Bookmarks ← Social Web: The next steps Starte als erster eine Unterhaltung [...]

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